Am 2.10.2009 hielt ein Mitglied der AAWM am Antifaschistischen Infostammtisch München ein Referat über Nationalismus. Den Vortrag gibt es im Folgenden zu Lesen oder in der Download-Sektion als .doc zum Download.
Referat am 2.3.2009
1. Patriotismus und Nationalismus
Im bürgerlichen Diskurs wird meist unterschieden zwischen „gutem“ Patriotismus (bzw. „gesunder“ Vaterlandsliebe) und „bösem“ Nationalismus, bei dem andere Nationen abgewertet würden. Aber was genau ist Nationalismus?Nationalismus bezeichnet den Gedanken der Nation. Die Nation bezeichnet die Kategorisierung von Menschen in Gruppen über kulturelle Merkmale wie Sprache, Hautfarbe, Kultur. Die Menschen die unter die Kriterien der jeweiligen Nation fallen bilden ein „Volk“. Patriotismus bezeichnet die Liebe zur eigenen Nation. Eine Unterscheidung zwischen Nationalismus und Patriotismus ist also generell unsinnig da nur ein gradueller Unterschied besteht. Im Kapitalismus stehen die Nationen bekanntlich in Konkurrenz zueinander, bspw. beim berühmten Standortwettbewerb. D.h. der Erfolg der eigenen Nation schließt den Erfolg der anderen aus und somit heißt eine Aufwertung des Heimatlandes die automatische Abwertung der anderen. Dies zeigen auch diverse Studien, dass Mensch zwischen Patriotismus & Nationalismus keine qualitative Grenze ziehen kann. Es reicht also von Nationalismus zu sprechen.
2. Einstellung der Deutschen
60% sind stolz auf Deutschland
73% wünschen sich ein stärkeres „Wir“-Gefühl
40% meinen Deutschland sei durch die Ausländer_innen in einem gefährlichen Maß überfremdet und jeder dritte meint, die Juden hätten zu viel Macht.
3. Angebliche und wirkliche Gründe
Nationalismus ist zwar weit verbreitet, fragt Mensch allerdings nach Gründen für diesen so müssen die meisten erstmal ziemlich lange überlegen. Beliebte „Gründe“ für den positiven Bezug zur Nation sind angebliche Gemeinsamkeiten wie Sprache, Kultur, moralische Werte und ähnliches. Oder es werden diverse „Leistungen“ der Deutschen aufgezählt (Erfindungen, der Wiederaufbau usw.). Bei genauerer Betrachtung wird vor allem eins deutlich: All diese Beispiele sind völlig willkürlich gewählt und nichts davon auf Deutschland beschränkt. Der Grundfehler des Nationalismus ist also aus der staatlich per Gewaltmonopol verordneten Zwangseinheit Nation ein überhistorisches Volk zu konstruieren. Da „Deutscher sein“ aber nichts anderes ist als eine rein formale Zugehörigkeit und Nation ein willkürliches Staatsgebiet darstellt, das von jedem Inhalt abstrahiert, wirken die „Argumente“ wie Sprache und Kultur eher hilflos. Im Kapitalismus stehen die Marktteilnehmer_innen bekanntlich in permanenter Konkurrenz zueinander. Jede_r möchte um seine Bedürfnisse befriedigen zu können seine anzubietende Ware möglichst gewinnbringend verkaufen und andere Waren möglichst billig erwerben. Das heißt es bestehen überall strukturelle Interessensgegensätze. Der Staat dient dazu die Rahmenbedingungen für dieses Verhältnis zu erhalten (bspw. durch Umweltschutz- & Arbeitnehmerschutzgesetze), da ansonsten das Kapital seine eigene Grundlage, nämlich halbwegs gesunde Arbeitskräfte, systematisch zerstören würde. Das Gerede von wegen wir säßen doch alle in einem Boot, Deutschland solle an einem Strang ziehen usw. blamiert sich an der Realität. Schon die Interessen von Arbeitnehmer_in & Arbeitgeber_in schließen sich nämlich gegenseitig aus, was sich u.a. in regelmäßigen Streiks äußert. Das Volksgemeinschaftskonzept der Nazis treibt diesen Unsinn auf die Spitze, da es eine unbedingte Gemeinschaft fordert ohne jedoch die Klassengegensätze anzugreifen und somit nur per staatlichem Zwang durchgesetzt werden kann. (Verbot von Gewerkschaften usw.)
Doch wie kommt Mensch auf solch einen Unsinn?
Ein Grund hierfür ist wieder im Ökonomischen zu suchen. Geht es der Wirtschaft im eigenen Land schlecht & somit dem auch dem Staat, so gehört Mensch selbst zu den Verlierern. Der falsche Umkehrschluss der daraus gezogen wird – wenn es dem heimischen Kapital gut geht, ginge es auch mir gut – erklärt warum Harz IV Empfänger_innen mit Deutschland Fahnen wedeln oder in Krisenzeiten rechte Parteien Zulauf bekommen.
4. Folgen von Nationalismus
Neben den Offensichtlichen und vor allem Visuellen Folgen wie Schwarz-rot-Goldene Fahnenmeere, und vollgekotzten Bahnhofstoiletten zur Nationalen Hochsaison ab 2006 gibt es Folgen die dem kleinbürgerlichen Demokraten_innen nicht bewusst werden. Erst der positive Bezug auf das „wir(deutschen) macht den Negativbezug auf die „anderen(Ausländer_innen)“ erst möglich ist damit für Ausgrenzungsmechanismen wie Rassismus und Antisemitismus verantwortlich.
4.1 Antisemitismus
Das Phänomen des Antisemitismus ist erst seit der Entstehung der bürgerlich-demokratischen Gesellschaft zu beobachten(und zu bekämpfen). Er ist der Ausdruck eines Missverständnis der Kapitalistischen Verhältnisse und der Gefahr die von der Nation ausgeht. Die Projektion der Kapitalistischen Verhältnisse auf eine begrenzte Personengruppe oder Klasse ist der erste Schritt zum Antisemitismus. Die Gründe dafür liegt darin, dass der Kapitalismus im Gegensatz zum Feudalismus und zur Sklavenhaltergesellschaft nicht mehr auf personeller Herrschaft basiert, sondern auf der abstrakten Herrschaft von Sachzwängen, denen auch die fiesesten Manager unterworfen sind, ob sie wollen oder nicht. Die Marktgesetze der allgegenwärtigen Konkurrenz zwischen getrennten Privatproduzenten führen zwangsläufig zu Arbeitslosigkeit, Ungleichheit & Monopolisierung. Diese Strukturen sind zwar gesellschaftliche und vermittelt über Personen, diese sind aber nur „Charaktermasken“ bzw. „Personifikationen ökonomischer Kategorien“ (Marx) und jederzeit austauschbar. Da dieses Verhältnis nicht leicht zu durchschauen ist, werden irgendwelche Verschwörer konstruiert. Der Antisemit denkt den Gedanken zu ende und gibt anstatt den „Bonzen“ oder der „herrschenden Klasse“ den Juden die Schuld an seinem Misserfolg. Das Verlierer zu einer Warengesellschaft dazugehören und die Nation gar nicht für den eigenen Erfolg arbeitet will Mensch nicht wahr haben und verdrängt diese Tatsachen.
Antisemitismus zu bekämpfen bedeutet die Warengesellschaft zu bekämpfen!
4.2. Rassismus
Erst der positive Bezug auf das „wir“ (deutschen) macht den Negativbezug auf die „anderen“ (Ausländer_innen) möglich und ist damit Grundlage diverser Ausgrenzungsideologien wie Rassismus und Antisemitismus. Der Begriff des Rassismus bezeichnet die Behauptung Menschen hätten aufgrund ihrer Hautfarbe, Volkszugehörigkeit (die ja gar nicht existiert, bzw. nur konstruiert ist) o.ä. bestimmte Eigenschaften. Anders als beim Antisemitismus bedeutet Rassismus nicht unbedingt eine Antipathie gegenüber den Betroffenen. Ein verbreitetes Beispiel dafür, ist das Vorurteil „Neger/schwarze haben Rhythmus im Blut“ und seien deswegen automatisch ausgezeichnete Schlagzeuger_innen/Trommler_innen. Der negative Rassismus, „Neger“ seien unkultiviert etc. ist also nur die andere Seite der Medaille, wenn auch meist mit gravierenderen Auswirkungen. Eine moderne Variante des Rassismus stellt der Ethnopluralismus dar. Die Idee dahinter behauptet Menschen werden als zugehörig zu einem bestimmten Volk geboren, das über ein angestammtes Gebiet verfügt wo es zu Leben hat.
Ethnopluralist_innen stehen dafür ein, dass die Welt sich in Volksgemeinschaften und nach Ethnien geordnet aufteilt, um das fortbestehen der jeweils heimischen Kultur und Völker zu bewahren. Ethnopluralismus ist eine Erscheinung in der neo-nazistischen Strömung, reicht aber auch bis in das „linke“ Spektrum. Siehe diverse Antiimperialist_innen, die für die „Selbstbestimmung der Völker“ eintreten. Auch der Gedanke des Ethnopluralismus hat seinen Ursprung in der Nation, das Konstrukt des Volkes und die Identifikation über Kultur und Heimat. Die These „zu einem Frankreich müsse auch ein französisches Volk gehören“, das außerordentlich gut kochen kann bietet eine offene Flanke zu der These, dass jedes Volk sein angestammtes Territorium und Eigenschaften besäße und es allen besser gehen würde, wenn die Welt in homogene Volksgemeinschaften geteilt wäre. Die Nazis (und Teile der antiimperialistischen Bewegung) sind also nationale Idealist_innen und vertreten einen völkisch-ethnopluralistischen Rassismus, demnach „Kurdistan den Kurden“ und „Deutschland den Deutschen“ gehöre. Die bürgerlichen Demokrat_innen hingegen könnte Mensch auch als nationale Realist_innen bezeichnen, welche eine Art Nützlichkeitsrassismus betreiben und Ausländer_innen je nach dem behandeln inwiefern sie der Nation wirtschaftlich „nutzen“. In der Praxis überschneiden sich diese Prinzipien allerdings meist. Und da sind wir an dem Punkt wo sich die Frage stellt wie Mensch als Linke_r darauf reagieren sollte.
Die Offensichtlichkeit das Nazis im Grunde nur der Radikale Ausdruck der Bürgerlichen Gesellschaft sind macht die Deterministik des Kampfs gegen Staat,Kapital und Nation klar. Für uns bedeutet das in allererster Linie Aufklärung gegen die Palamentarische Demokratie zu leisten und jede Form von Bürgerlich-Kapitalistischer Politik zu sabotieren.Ein Konsequenter Antifaschismus der nicht nur Auswüchse bekämpfen will, sondern auch den Sumpf aus dem diese entstehen, setzt also das Infragestellen der Nation an sich voraus , und darf sich nicht durch Bündnisse mit der Nationalen-bürgerlichen Mitte „gegen Rechts“ bremsen lassen sondern auch solchen Verkürzt-Antifaschistischen Thesen kritisch gegenübertreten muss.
Für ein Leben jenseits von Antisemitismus,Autorität und Sachzwängen
Für die Soziale Revolution
Autonome Antifa Weilheim mit Unterstützung aus München